…aufschreiben…jetzt……………..

1962//Prolog

Wo ich wohne gibt es viele schöne Häuser. Wir sind in Einem das über und über mit Schieferplatten besetzt ist. Mein Papa hat erzählt die kommen aus Bergwerken wo Männer die rausholen müssen. Ist eine schwere und dreckige Arbeit. Hab meine Mama mal gefragt, wo ich gewohnt hab als ich 4 war. Da hat sie gesagt, dass ich schon in drei anderen Städten gewohnt hab und in noch einer Anderen geboren bin. Mama, Papa und Bruder haben in einem Haus gewohnt das nur aus Holz war. Mama hat das Baracke genannt und da war es zu kalt um ein Baby zu haben. Dann ist sie vorher zu ihrer Mama gefahren wo sie auch herkommt und dann bin ich dem Haus geboren wo jetzt meine Oma wohnt und vorher auch schon gewohnt hat, aber noch nicht meine Oma war. Und jetzt wohne ich hier. Mama und Papa arbeiten für Gott. Sie arbeiten viel für Gott. Sonntags sind immer Gottesdienste und auch Kindergottesdienst. Aber ob die Kinder da dann schon meine Freunde sind weiß ich nicht.

1.Kapitel

2020

Ich sollte weggehen, nicht hier bleiben, alles zu vertraut. Die mir wichtigen Dinge in meinem Reiserucksack verstauen, zum Bahnhof gehen und in den nächsten Zug steigen. Vor bald vier Jahren krankheitsbedingt das Arbeitsleben hinter mir gelassen, doch es holt immer wieder auf und mich ein. Nachts, tagsüber, wenn ich durch den Wald spaziere, den ich vor der Krankheit noch in Laufschuhen durchquert habe. Doch das ist ein kleineres Problem als ich angenommen hatte. Man arrangiert sich mit der Krankheit. Ich finde mich mit ihr ab. Sie bringt nicht den Tod, nur den Schmerz. Ein Waldspaziergang. Den Kopf frei bekommen. Es reicht nicht. Eine neue Richtung, ein Weg als Restlebensweg. Suche schon so lange. Die Antwort der Eltern war einfach. Früher. Glauben. Und wenn man es nicht kann? Nicht hinbekommt, allein, durch Beten? Ein Schulheft, Fotoecken, Bilder, Überschriften, eine Locke. Ich würde es mitnehmen. Meine Kindheit. Weggehen. Auf Reisen gehen. Jetzt.

1963

Es hat geklingelt. Vor der Tür steht ein Mann der Hunger hat. In alten, schmutzigen Anziehsachen. Mama sagt, dass sie ihm was zu essen macht. Dann macht sie die Tür nochmal zu, damit der Mann draußen wartet. Eigentlich kann ich euch das gar nicht erzählen, weil ich ja im Zimmer bleiben soll und nicht gucken darf. Aber ich gucke. Die Mama macht Butter auf zwei Brote und legt Wurst auf das Eine und das Andere kommt dann da umgedreht drauf. Jetzt ist es ein Doppelbrot. Zuletzt sucht Mama die Mitte, schneidet es in zwei halbe Doppelbrote und packt es in Butterbrotpapier. So bekommt der Mann das. Er sagt danke und geht dann wieder nach draußen. Solche Männer kommen öfter. Viele haben sonst kein Mittagessen. Ich hab schon gehabt heute. Sonst wär ich ich nicht zu Haus gewesen, sondern im Kindergarten. Da gehe ich nach dem Frühstück hin und bleibe da bis ich abgeholt werde.

2020

An der Bahnhofsmission vorbei, auf den Bahnsteig und in den wartenden Zug. Es ist Werktag, nach neun Uhr, freie Fensterplätze. Allein unterwegs. Lange her? Nein, vor drei Jahren zur Reha. Fester Rückkehrtermin. Diesmal nicht. Waren wichtig, die drei Wochen. Geblieben auch Physiotherapeutenlächeln. Wie schaffen sie das. Für jeden Patienten lächeln, immer. In dieser Zeit setzte das Wirdvorerstsobleibengefühl ein. Der Aufenthalt dort hat geholfen besser damit umzugehen, mit dem Kranksein, sich besser ablenken zu können. Hätte in meinem Zimmer dort Zeit gehabt zu schreiben, hatte den Füller mit, Notizbücher auch. War noch nicht so weit. Konnte und wollte noch nicht in den neuen Lebensabschnitt. Nein, diesmal keine gebuchte Rückfahrt. Annehmen, hinter mir lassen, alles bis. Jetzt. Leben jetzt und aufschreiben das Bisherige.

© copyright all lyrics wolfgang weiland

2 Antworten auf „…aufschreiben…jetzt……………..“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.